Wenn ein Rockstar „softly as the wind“ wird und einen schwulen Petrus im himmlischen Hotel trifft…

Die Premiere von „Rockville“ hat im Deutschen Theater Einzug gehalten.

Amstetten ist mit seinen gut 20 erfolgreichen Musicalproduktionen längst kein Geheimtipp mehr in Fachkreisen. Auch der Name Kim Duddy hat sich in den letzten Jahren etabliert wie kaum eine Macherin im Business. Sie hat in Rockville nebst der Choreografie, Regie auch das Buch und die Songtexte übernommen. Das Deutsche Theater München ist auf volles Risiko gegangen und hat schon vor der Aufführung in Österreich das Stück für München eingekauft. Wie sich jetzt herausgestellt hat, war dieser „Riecher“ goldrichtig.

Die Geschichte mag bei erster Betrachtung nicht so ganz verlockend auf den künftigen Besucher oder Interessenten wirken. Da wäre Brian Carr, erfolgreicher Rockmusiker, der ein ausschweifendes Leben auf der Erde führt. Er wird inmitten eines Konzertes vom Blitz getroffen und wird sogleich von den Erzengeln Raphael und Gabriel sowie Petrus im „himmlischen Hotel“ empfangen. Er bekommt jedoch eine Chance seinen Lebenswandel abzumildern indem er die von einem Tornado verwüstete amerikanische Kleinstadt Rockville rettet und den Menschen dort Mut gibt und beim Wiederaufbau unterstützt. Zunächst amüsiert diese Vorstellung den abgebrühten Star, dennoch geht er den Deal ein… Ein erneuter Blitz und Brian steht inmitten des zertrümmerten Rockville. Dort trifft er kurzerhand auf Billy Taylor, einem musikalisch begabten Jungen, der ihn erkennt und schliesslich bei seiner lebenslustigen Großmutter unterbringt. Der selbstverliebte Rocker, Egoist, Macho und Großkotz Brian Carr verwandelt sich im Laufe der Geschichte zu einem verständnisvollen und hilfsbereiten Mann, der geprägt durch die ehrlichen Menschen in Rockville erkennen muss, dass wahre Werte im Leben Zusammenhalt, Liebe, Hilfe und Verständnis sind.

Zusammen gelingt es ihnen den intriganten Oberbürgermeister Bushnell zu lynchen und Rockville zu dem zu machen, was es vorher auch war, ein netter kleiner Ort, mit liebenswerten Menschen.

Zahlreiche, geladene Gäste und Prominente folgten der Einladung des Deutschen Theaters in München und erlebten eine überzeugende und unterhaltsame dreistündige Premiere. Der Applaus mit den unmittelbaren Standing Ovations am Ende, bestätigt verdient die Leistung eines gesamten Produktions- und Künstler-Teams.

Das Zelt rockte an diesem Premierenabend und man kam sich als Besucher wie auf einem Rockkonzert vor. Zudem wirkt eine tolle Bühne die immer wieder von den durch die Bank weg überzeugenden Protagonisten ablenken wollte. Hier ist zu sagen, es ist ein richtig spannendes und unterhaltsames Stück auf hohem Niveau gelungen. Eine tolle Produktion, in sich stimmig, mit übergreifender Bühne, Technik, Musik, Kostüme und Sängern bietet eine Show, wie man sie wohl schon lange nicht mehr erlebt hat. Stolz darf Amstetten allemal sein, denn dieses Broadwayfreie-Großproduktions-Stück kann sich in jedem Falle spielend mit seinen Kollegen messen und für viele wird sie- nicht überraschend- besser abschneiden.

Hier merkt man, dass Liebe bis ins kleinste Detail praktiziert wurde. Selbst die kleinste Rolle wurde perfekt besetzt. Jede Tanzsequenz wurde penibel genau einstudiert und bietet neben dem schauspielerischen und gesanglichen Einsatz der Künstler richtig guten Tanz fürs Auge. Die Choreographien sind durchgehend schön anzusehen und gehen sehr oft in anspruchsvolle Akrobatik über. Die vier Fronttänzer/-innen leisten hier eine hervorragende und betonenswerte Perfomance.

Das Stück lebt selbstvertändlich von seinen Sängern und Schauspielern. Hier steht an erster Stelle Musical-Rock-Sänger Alex Melcher, der bereits in „We will rock you“ in Köln und derzeit Stuttgart in der Hauptrolle des Galileo zu sehen und hören ist. Er ist geradezu prädestiniert, diese Rolle zu verkörpern. Auch wenn man hier und da in Mimik, Gestik, Tanz und Ausdruck ganz viel Galileo wiedererkennt, Alex Melcher ist diese Rolle auf den Leib geschrieben. Er überzeugt schauspielerisch und gesanglich auf ganzer Linie, kann aber in vielen Szenen seine komödiantische Seite wunderbar zum Einsatz bringen und das Publikum restlos begeistern. „Wings of love“ dürfte DER Song der Inszenierung werden, doch auch „Only heaven knows“ im Duett mit seiner angehimmelten Jackie Taylor, Mutter des Jungen Billy Taylor, klingt wunderschön nach Liebesduett. „Rocking the Nation“ klingt zweifellos wie Queen, ebenso „Wasted“.

An seiner Seite, bereits erwähnt, Jackie Taylor, dargestellt von Caroline Frank. Sie begeistert mit glasklarer Stimme und überzeugendem Schauspiel. Sie gilt als die indirekte Retterin, die als einzige die bösen Machenschaften des Oberbürgermeisters Bushnell ahnt und die Bewohner Rockvilles auffordert, gemeinsam gehen ihn Sache zu machen. Sie ist eine der wenigen, die den Engel Brian Carr nicht sehen kann. Diese Vorzüge sind nämlich nur den ganz jungen Menschen oder den älteren Menschen zugestanden. Also muss sie sich damit abfinden immer einen Dolmetscher an der Seite zu haben, um mit Brian in einen Dialog zu steigen. Dennoch verhindert dies nicht, dass sich beide ineinander verlieben. In „A Mother’s Eyes“ oder im Duett mit Brian „Only Heaven knows“ kann sie stimmlich überzeugen.

Jackie’s Sohn, Billy Taylor wird vom Jungtalent Thomas Höfner verkörpert. An dieser Stelle muss einfach geschrieben werden, dass man sich diesen Namen gut merken sollte. Was Thomas Höfner hier abliefert, gesanglich, schauspielerisch aber auch tänzerisch ist wirklich beeindruckend bis herausragend. Ein Gesamtpaket, das durch und durch überzeugt und erstaunt. Seine Momente sind in „All that we need“, „Wings of love“ und nicht zuletzt im Duett mit seiner Freundin Olivia in „Softly as the Wind“. Hier erklingt eine unfassbar tolle, junge und dennoch schon professionelle Stimme. Das Theaterzelt wird förmlich gefüllt von klaren und perfekt sitzenden Tönen, welche die Zuschauer zu Begeisterung hinreissen. Eine überaus bemerkenswerte Leistung und auf dieses Talent darf sich die Musicalwelt schon jetzt sehr freuen.

Olivia, seine Freundin wird von Katharina Holoubek gespielt. Sie verkörpert ein sehr schlaues Mädchen, eher schüchtern und ein absoluter Computerfreak. Gesanglich kann sie überzeugen, kann jedoch im Duett mit Höfner leider weniger standhalten. An manchen Stellen wirkt die Stimme etwas dünn und unsicher. Trotzdem liefert auch sie eine bemerkenswerte Leistung ab und erntet verdient großen Applaus.

Showstopper ist und bleibt ungeschlagen die einzigartige Granny Evelyn, hier verkörpert von Sonja Farke. Stets für einen Lacher gut, amüsiert sie die Premierenbesucher mit jedem Auftritt. Komödiantisches Talent steht hier ausser Frage. Gerade dann, wenn sie als Rockerbraut verkleidet und mit Brians Gitarre und Sonnenbrille abgeht wie „Harry“ während er, Brian, in Omas Kittel auf dem Sofa hüpft, dann ist im Publikum kein Halten mehr und die Lachmuskel werden auf harte Prüfungen gestellt. Brüller ist auch, als sie entführt und gefesselt wird und ihre Peiniger mit ihrem losen Mundwerk an den Rand des Wahnsinns treibt, so dass diese sich gezwungen fühlen, die liebenswürdige alte Dame zu knebeln. Eine wirklich grandiose Leistung, die Sonia Farke hier abliefert. Gesanglich kann sie in Songs wie „The Queen of the Stage Door Canteen“ „Speak out, stand up“ oder „Tell me what’s in it for me“ ebenso überzeugen.

Als Erzengel Gabriel tritt Amanda Whitford ins Bild. In der Rolle des Erzengels Raphael ist Daryll Smith zu sehen und der schwule Petrus wird von Stephan Zenker gespielt. Das Trio gibt eine bunte und ansehnliche Mischung ab, die von Witz, Dominanz und einer großen Portion Soul- und Gospelklängen nur so sprüht. Unglaublich tolle Stimmen kann jeder von ihnen aufweisen und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch dieses ebenso schauspielerisch überzeugende Trio den direkten Weg in die Herzen der Besucher gefunden hat. „Small Miracles“ „Morning in Rockville“, „Picture“, „So much Promises“ sind die großen Nummern des himmlischen Organisationstrios.

Hans Neblung ist ebenfalls ein beliebter Musicaldarsteller in Deutschland. Er muss sich in der Rolle des fiesen und intriganten Oberbürgermeisters Bushnell wiederfinden. Diesen liefert er auch genau so ab. Man mag ihn am liebsten vernichten, dennoch spielt er seine Rolle so amüsierend abfällig, dass man ihn einfach nicht entbehren will. Die Szene, wenn er mit Honey Adelmann, der ehemaligen Managerin von Brian, einen wahnwitzig-erotischen Tango aufs Parkett legt ist eine der zahlreichen Auslöser für langanhaltenden Lachanfall im Publikum. Passend sind auch seine Songtitel wie „Keep the people stupid“ oder in der Reprise von „Tell me what’s in it for me“.

Die Business Lady und Managerin von Brian Carr, Honey Adelmann wird von Sigalit Feig gespielt. Als sie am Telefon in ihrem Büro erfährt, dass ihr Klient womöglich doch noch am Leben ist, bricht sie in Hysterie aus und es lässt sich erahnen, dass dieses Interesse nicht nur auf geschäftlicher Natur basiert. Es ist zwar nur eine kleine Rolle, die sie jedoch gekonnt versteht auszufüllen und präsentieren, gesanglich sowie schauspielerisch.

Als Angel Eyes treten Ava Brennan, Sigalit Feig und Conchita Zandbergen auf die Bühne und können mit ihren Tänzen und ihrem Gesang zudem kräfig zur Stimmung beitragen.

Auch die Gruppe der Kinder und Jugendlichen um Billy Taylor herum können mit erstaunlich tollen Stimmen und schauspielerischen Talenten überraschen. Neben Thomas Höfner und Katharina Holoubek sind es Katy Cutic, Kathrin Dirnberger, Olivia Dogbatsey, Jannis Loikasek, Tobias Margiol und Marcus Richter, die die professionellen Stimmen der Erwachsenen um einiges an Stimmgewalt unterstützen und harmonische Klänge zaubern. Beachtens- und sehr lobenswert sind auch deren überzeugendes Können in Schauspiel und Tanz.

Alles in Allem muss man dieser Produktion eine Bewertung im höchsten Segment zugestehen. Vielleicht ist der ein oder andere Besucher zu Beginn etwas „geschockt“ denn die moderne Fekalsprache hat auch in dieser Inszenierung auf der Bühne großzügig Einsatz gefunden. Das berühmte Wort mit „F…“ findet mehrfach seinen Einsatz, aber auch neue Erfindungen wie „90’er Jahre Spermie“ (Bezeichnung für die jungen Kinder) haben hier Premiere. Dies ist jedoch alles eher in den ersten Minuten des Stückes der Fall. Später fallen die Worte eher seltener, zum Glück!

Auch der Humor, der hin und wieder ans „Eingemachte“ geht wird immer wieder mit dem Bewusstsein und Festhalten an alten Werten gut ausgeglichen. Der Grundtenor, nach Gerechtigkeit zu streben und dies mit Zusammenhalt, Vertrauen und Mut zu erreichen hat sein Ziel nicht verfehlt.

Kostümtechnisch hat man sich etwas einfallen lassen. Alleine schon die Idee, dem leder-jeans ausgestatteten Rocker Brian riesige weiße Flügel „anzukleben“ ist schon ein Hingucker. Aber auch die Kostüme der Gossip Girls oder der Gang sind wirklich kreativ gelöst worden. Ansonsten herrscht jedoch eher der legére Kleiderlook.

Die Bühne kann sich sehen lassen. Wie auch in „We will rock you“ befinden sich die sechs Musiker über der Bühne auf einer Brüstung hinter einem halbtransparenten Vorhang. Links und rechts ragen Gerüste hervor, die unter und in sich Elemente verbergen, die einen raschen Szenenwechseln ermöglichen und mit zusätzlichen hereingerollten Elementen ergänzt werden konnten. Auch hier ist die Liebe zum Detail erkennbar. Schlicht und kostengünstig ist diese Bühne nicht zu beschreiben. Man hat sich hier bemüht die Qualität aufrecht zu erhalten.

Die Musik bietet eine breite Palette aller Stile. Egal ob Rock, Metal, Big Band Sound, Soul, Gospel oder einfacher Pop mit balladesken Einflüssen, alles ist wunderbar abgestimmt und wirkt zu keinem Zeitpunkt gewollt oder unpassend. Eine bemerkenswerte Leistung des Komponistenteams Martin Gellner und Werner Stranka.

Zum Schluß ist zu sagen, dass auch das Preis-Leistungsverhältnis vorbildlich ist. Tickets sind zwischen 24,- und 59,- Euro erhältlich. Also, liebe Musicalliebhaber, seht zu, dass Ihr dieses Stück besuchen könnt und überzeugt Euch, dass nicht alles aus einer Musicalgroßschmiede einzig Qualität und großes Theater aufweisen kann.

Tickets und Infos HIER

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